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Das narrativ intelligente Unternehmen

Was ist und wozu brauchen wir narrative Intelligenz? Folge 2

Die Blogreihe „Was ist und wozu brauchen wir narrative Intelligenz?“ beschäftigt sich mit den unterschiedlichen Aspekten der narrativen Intelligenz. In der 2. Folge geht es darum, warum Unternehmen narrativ intelligent werden müssen, und was das konkret bedeutet.

 

Als Christine Erlach und ich vor etwa zehn Jahren begannen, uns mit dem Begriff und dem Phänomen der narrativen Intelligenz zu beschäftigen, taten wir das erst einmal im Kontext von Unternehmen – arbeiteten wir doch beide als Organisationsberater:innen. Wir dachten darüber nach, was eigentlich die spezifischen Fähigkeiten und Haltungen sind, die eine Organisation braucht, um ihre narrative Dimension zu erkunden und damit zu arbeiten. Und natürlich setzten wir uns täglich damit auseinander, was die Vorteile sind, wenn ein Unternehmen seine narrative Intelligenz entwickelt.

Natürlich waren wir bei diesen Überlegungen – neben unserer damals schon 15jährigen narrativen Beraterpraxis – inspiriert durch die Forschungen der narrativen Psychologie (Bruner, Sarbin) und der narrativen Kultur-, Geschichts-, und Wirtschaftsforschung (Müller-Funk, Harari, Shiller). Auf diese Grundlagen werde ich in einer der nächsten Folgen näher eingehen.

Narratives Arbeiten

Im Kern der narrativen Arbeit mit Unternehmen stehen immer die Geschichten und Erfahrungen, die in einer Organisation „da sind“: den Geschichten, die die Mitarbeitenden und die Führungskräfte erzählen, und den Geschichten, die in narrativen Interviews, Story Circles und anderen Storylistening-Methoden gehoben werden.

Der Grund für diese Fokussierung auf die Geschichten, die „da sind“ ist nicht, weil wir etwa Stories so toll oder spannend finden. Sondern weil die Erfahrungserzählungen der Mitglieder einer Organisation die einzige bekannt Möglichkeit ist, die unsichtbare Seite der Organisation (Edgar Schein) zu erforschen: Also all die verborgenen Regeln, Glaubenssätze, Störnarrative und Denkmodelle, die die gelebte Unternehmenskultur und damit auch die Werte und Haltungen bestimmen, nach denen die Mitarbeitenden handeln.

Und jede:r, der oder die jemals in der Organisationsentwicklung gearbeitet hat, weiß, dass diese unsichtbare Seite oft sehr viel mehr Einfluss auf das Handeln – und den Erfolg des Unternehmens – hat als die Verlautbarungen von oben. Nur ein Beispiel: wenn die Mitarbeitenden immer wieder erlebt haben, das Projekte „bei uns“ nie zu Ende gebracht werden, werden sie nicht so schnell begeistert an einem neuen Projekt des Unternehmens mitarbeiten. Ihr „Veränderungs-Widerstand“ hat Gründe, die man kennen sollte. Und übrigens: Durch Befragungen lässt sich die unsichtbare Ebene des Unternehmens nicht sichtbar machen, denn sie ist auch den Angehörigen eines Systems meist nicht oder nur halb bewusst. Erst im Erzählen wird sie sichtbar.

Prinzipien der narrativen intelligenz in Unternehmen

Ein erstes Prinzip für die narrative Intelligenz von Organisationen ist demzufolge:

  • Narrativ intelligenten Unternehmen ist bewusst, dass sie zur Steuerung, Weiterentwicklung und Transformation der eigenen Organisation Wissen über die Erfahrungsgeschichten der Mitarbeitenden und die Narrative und Glaubenssätze, die sie teilen, gewinnen müssen. Und sie verfügen über Storylistening-Methoden, um diese Erfahrungen zu heben, auszuwerten und die Konsequenzen umzusetzen.

Daraus leitet sich auch gleich ein zweites Prinzip ab:

  • In narrativ intelligenten Organisationen hat das Zuhören („Storylistening“) einen mindestens ebenso hohen Stellenwert wie eher verlautbarende Kommunikationsformen wie das Berichten, Präsentieren, Verkünden. Die goldene Regel lautet: „Vor dem Storytelling kommt das Storylistening“.

Und auch ein drittes Prinzip folgt daraus:

  • Narrativ intelligente Organisationen beginnen Prozesse bottom-up – und zwar dadurch, dass die Erfahrungen der Mitglieder der Organisation an den Anfang stellen. Deshalb in „die Mitarbeitenden reinholen“ kein Thema: Sie sind mit ihren Erfahrungen von vornherein dabei.

Und das vierte Prinzip:

  • Narrativ intelligente Organisationen wissen, dass Strategie- und Veränderungsprozesse nur erfolgreich sein können, wenn sie in Resonanz zur gelebten Kultur und den Erfahrungen der Mitarbeitenden durchgeführt werden. Das bedeutet nicht, diese Kultur auch in ihren unerwünschten Aspekten einfach so hingenommen wird. Aber man ist sich bewusst, dass diese Kultur der Ausgangspunkt für die Change-Story ist. Wenn man diesen Ausgangspunkt ignoriert, kann das Projekt nicht erfolgreich werden.

Das fünfte Prinzip schließlich bezieht sich dann auf die Durchführung des Veränderungsprozesses:

  • Narrativ intelligente Organisationen wissen, dass Veränderung niemals allein durch Kommunikation geschieht, sondern nur durch neue Erfahrungen („Storydoing“). Denn die Glaubenssätze der Mitarbeiter gründen ja in ihren Erfahrungen; ein reines top-down-Postulat einer neuen Kultur verliert immer gegen Erfahrungen: Sie sind stärker als jeder Story. Erst wenn die Mitarbeitenden neue Erfahrungen machen können, können sie auch glauben, dass es wirklich ernst ist mit der Veränderung.

So viel für heute. In der nächsten Folge gehe ich dann noch mehr in die Einzelheiten der narrativen Intelligenz von Organisationen.

Ein kleines Experiment zum Schluss:

Fragen Sie doch mal in einem Unternehmen die Kollegen oder, wenn Sie externer Berater sind, eine:n Mitarbeiter:in, ob sie das Leitbild oder die Werte des eigenen Unternehmens kennen.

Unsere Erfahrung: Mindestens zwei Drittel der Mitarbeitenden kennen sie nicht – auch wenn sie schon häufig kommuniziert wurden.

Unsere Vermutung: Das liegt daran, dass sie nur sehr wenig mit der gelebten Kultur und ihren Erfahrungen zu tun haben.

Aber probieren sie es mal aus. Ich bin gespannt.

 

Weiterlesen:

Narrative Intelligenz im persönlichen Leben und im Coaching:

Müller, Michael; Erlach Christine (2024): In Aktanz gehen. Wie man hinderliche Geschichten loswird. Heidelberg: Carl-Auer

Narrative Intelligenz in Organisationen:

Erlach, Christine; Müller Michael (2020): Narrative Organisationen. Wie die Arbeit mit Geschichten Unternehmen zukunftsfähig macht. Wiesbaden: Springer Gabler

Narrative Intelligenz in der Politik:

Müller, Michael (2020): Politisches Storytelling. Wie Politik aus Geschichten gemacht wird. Köln: von Halem

Narrative Intelligenz lernen:

Informationen zu den Fortbildungen und Seminaren rund um narrative Intelligenz finden sich auf der Website www.narratives-management.de

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