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Was ist, und wozu brauchen wir narrative Intelligenz?

 

Folge 1

Mit diesem Beitrag beginne ich eine Blogreihe, die sich mit „Narrativer Intelligenz“ beschäftigen wird: Was ist damit eigentlich gemeint, in welchen Kontexten finden wir sie, und wozu brauchen wir sie überhaupt?

Und um damit gleich anzufangen: ja, brauchen wir noch eine Variante von Intelligenz? Nach den Karrieren von Begriffen wie „sozialer Intelligenz“, „emotionaler Intelligenz“, „kreativer Intelligenz“, und so weiter – ganz zu schweigen von der „künstlichen Intelligenz“, in der der der Begriff der Intelligenz ja allenfalls eine etwas großspurige Metapher darstellt?

Mit Ausnahme der letzteren beschreiben ja alle diese Formen der Intelligenz ein spezifisches Vermögen, eine Fähigkeit von uns Menschen: Wie gut können wir uns in sozialen Kontexten bewegen, wie fähig sind wir, mit unseren eigenen Emotionen und denen unserer Mitmenschen umzugehen, wie entwickelt ist unsere Kreativität?

In ähnlicher Weise beschreibt der Begriff der „narrativen Intelligenz“ ebenfalls ein ganz spezifisches Vermögen des Menschen, das für unsere Kultur, für unsere Fähigkeiten, soziale Systeme zu bilden, zu organisieren und zu verändern zentral ist. wenn wir über narrative Intelligenz sprechen, geht es letztlich darum, wie wir uns die Welt, in der wir leben, vorstellen, und um unsere Überzeugungen und Glaubenssätze, mit denen wir unser Leben, unsere Arbeit und unsere sozialen Beziehungen gestalten.

 

Narrativ erschaffen wir unsere Welt

Das klingt jetzt natürlich sehr groß. Und ist es auch: Mit und durch Narrative und Geschichten schaffen wir unser Bild von uns selbst und der Welt, in der wir leben. Über Geschichten und Narrative geben wir uns und unserer Welt Bedeutung, Sinn und definieren die Werte, die gelten sollen.

Natürlich ist an all dem auch unser kognitiver Verstand, unsere Emotionen, unsere Kreativität, und unser Körper beteiligt. Dennoch haben all diese Dimensionen auch eine narrative Dimension. Wenn wir uns  mit dieser Dimension beschäftigen, kann unser Leben leichter und selbstbestimmter werden, Prozesse in Organisationen effizienter und erfolgreicher, gesellschaftliche und politische Diskurse nachhaltiger und wertschätzender.

Ein paar Beispiele:

  • Sehr viele unserer persönlichen Glaubenssätze und Überzeugungen haben ihre Basis in Geschichten und Narrativen. Wenn ich zum Beispiel davon überzeugt bin, dass ich irgend etwas nicht kann, sagen wir mal: nicht präsentieren kann, dann beruht dieser Glaubenssatz aller Wahrscheinlichkeit auch einer Reihe von Erfahrungen des Scheiterns, die in meinem Kopf zum dominanten Narrativ geworden sind: „Immer wenn ich etwas präsentiere, gelingt mir das nicht gut, und am Ende sind alle Zuhörer gelangweilt“. So entstehen sogenannte „Störnarrative“, die unser Leben und Arbeiten schwer machen. Narrative Intelligenz bedeutet in diesem Fall, die Herkunft dieses Störnarrativs zu erkennen und an seiner Veränderung arbeiten zu können. In Coachings kann ein möglicher Weg dazu darin bestehen, dass wir uns in der Biographie auf die Suche nach Ausnahmegeschichten begeben.

 

  • Change-Prozesse in Unternehmen führen häufig nicht zum erwünschten Erfolg; manche Statistiken sprechen davon, dass bis zu 70% aller Veränderungsprozesse scheitern. Meiner Erfahrung als Organisationsberater nach liegt das vor allem daran, dass bei diesen Prozessen die „unsichtbare“ Seite der Organisation, also all die Überzeugungen, versteckten Regeln und Narrative, die auf den Erfahrungen der Mitarbeitenden beruhen, nicht berücksichtigt werden. Wenn etwa ein neues Projekt ausgerufen wird, die Mitarbeitenden aber häufig erfahren haben, dass Projekte „bei uns“ nie zu Ende gebracht werden,  kann man sich ausrechnen, dass das Engagement der Mitarbeitenden bescheiden sein wird. Allzu stark ist dieses Narrativ fest in der Kultur des Unternehmens verankert. Narrative Intelligenz bedeutet in diesem Fall, die unsichtbare Seite der Organisation einzubeziehen, indem man die Erfahrungsgeschichten der Mitarbeitenden hebt („Storylistening“), sie auswertet, neue Erfahrungen schafft, um die Störnarrative zu verändern („Storydoing“), und dann gemeinsam auf dieser Basis den Veränderungsprozess als eine neue Geschichte schreibt („Story-Creation“).

 

  • Politiker haben häufig die Vorstellung, dass „das bessere Argument gewinnt“, und man den Menschen nur erklären muss, warum man so oder so handelt, um sie zu überzeugen und sie bestenfalls als Wähler zu gewinnen. Leider ist das nicht so: Menschen bilden ihre politischen Einstellungen auf der Basis von Narrativen, die wiederum auf der Basis von Erfahrungen ihr Lebensmodell, ihre Werte und ihre Sinnstiftung ausdrücken. Narrative Intelligenz in der Politik und im gesellschaftlichen Leben bedeutet daher, diese (narrativen) Hintergründe für Lebensmodelle und -entscheidungen zu kennen. Zum Beispiel wurde in einer Zeitschrift ein junger Mann interviewt, der in einem abgelegenen Weiler auf dem Land lebt. Er sagte, er werde keine Partei wählen, die das Auto abschaffen will, weil er dann seine Freunde nicht mehr treffen könnte und überhaupt keine Freiheit mehr hätte. Das Argument, dass niemand das Auto abschaffen wolle, verfing nicht. Erst wenn man versteht, wofür es im Leben dieses jungen Mannes steht, nämlich für Freiheit und soziale Kontakte, kann man neue Geschichten finden, mit denen man ihn (vielleicht) erreichen kann: Zum Beispiel, indem man mit ihm zusammen über Freiheit redet und nicht über Autos. Es sind häufig solche Stellvertreter-Argumente, die den Blick auf den narrativen Hintergrund von Lebensentscheidungen von Menschen verstellen.

Narrative Intelligenz bedeutet damit grundsätzlich: die Fähigkeit, erkennen zu können, welche Geschichten und Narrative unser Denken, Fühlen und Handeln (mit)bestimmen, auf welchen Erfahrungen sie beruhen, und Techniken zu entwickeln, um sie im Bedarfsfall verändern zu können.

In den weiteren Folgen dieses Blocks werde ich Narrative Intelligenz in ganz verschiedenen Aspekten und Kontexten beschreiben und erforschen, z.B.

  • narrative Intelligenz in Unternehmen;
  • Narrative Intelligenz in unserem ganz persönlichen Leben;
  • Narrative Intelligenz im Coaching;
  • Narrative Intelligenz in Politik und Gesellschaft.

Und ich werde immer wieder Experimente dazu vorschlagen, die Ihr selbst ausprobieren könnt: Spiele mit der narrativen Intelligenz.

Weiterlesen:

Wer jetzt schon tiefer in die Narrative Intelligenz einsteigen möchte, kann in den Büchern von Christine Erlach und mir nachsehen:

Narrative Intelligenz im persönlichen Leben und im Coaching:

Müller, Michael; Erlach Christine (2024): In Aktanz gehen. Wie man hinderliche Geschichten loswird. Heidelberg: Carl-Auer

Narrative Intelligenz in Organisationen:

Erlach, Christine; Müller Michael (2020): Narrative Organisationen. Wie die Arbeit mit Geschichten Unternehmen zukunftsfähig macht. Wiesbaden: Springer Gabler

Narrative Intelligenz in der Politik:

Müller, Michael (2020): Politisches Storytelling. Wie Politik aus Geschichten gemacht wird. Köln: von Halem

Narrative Intelligenz lernen:

Informationen zu den Fortbildungen und Seminaren rund um narrative Intelligenz findet ihr auf der Website narratives-management.de

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