Was ist und wozu brauchen wir narrative Intelligenz? Folge 2 Die Blogreihe "Was ist und…
Narrative Intelligenz in Zusammenarbeit und Führung leben

Narrative Intelligenz, Folge 3
In der letzten Folge meines Blogs zur „Narrativen Intelligenz“ habe ich beschrieben, woran man narrativ intelligente Organisationen erkennen kann. Dabei habe ich die Perspektive des Unternehmens als Ganzes eingenommen.
In der neuen Folge will darauf eingehen, wie wir als Führungskräfte oder als Mitarbeitende in der Zusammenarbeit und im Team narrative Intelligenz leben und trainieren können.
Zuhören als Alltagskompetenz
Mir scheint, dass Zuhören in letzter Zeit die meistgelobte, aber am wenigsten praktizierte Kompetenz ist – im Alltag, in Unternehmen oder in unserer Gesellschaft. Bücher darüber werden geschrieben, aber trotzdem tun wir uns alle schwer mit dem Zuhören. Ich beobachte mich oft selbst, wenn jemand mir etwas erzählt, wie lange es dauert, bis ich den Reflex, etwas zu sagen kaum noch unterdrücken kann. Gerne könnt ihr dieses Experiment auch mal probieren – sehr häufig ist die Zuhörfähigkeit bei uns (noch) unterentwickelt.
Dabei ist Zuhören einer der Grundsteine der narrativen Intelligenz: Nur wenn ich als Führungskraft den eigenen Mitarbeitenden zuhöre, mich für ihre Erfahrungen, Erlebnisse und Geschichten interessiere, kann ich verstehen, wie sie ticken, woran sie glauben und wie sie arbeiten. Und nur wenn wir im Team Raum für das Erzählen und Zuhören schaffe, können wir Gemeinsamkeiten und Konflikte erkennen und bearbeiten.
Andere Perspektiven wahrnehmen – das binäre wahr-falsch-Schema verlassen
Menschen erleben ein- und dasselbe Geschehen aus unterschiedlichen Perspektiven. Diese Sichtweisen sind eingefärbt durch das eigene Vorerleben, durch persönliche Glaubenssätze, durch Interessen und Annahmen. Meist bleiben in Unternehmen diese unterschiedlichen Perspektiven im Dunkeln – verdeckt unter einer „offiziellen“ Sichtweise, die als „single story“ vorgegeben wird. Doch die unterschiedlich gefärbten Erfahrungen prägen das Denken und Handeln jedes einzelnen Teammitglieds – und können dann zu Barrieren und Konflikten führen, die den Erfolg unterminieren. Regelmäßige Erzählrunden geben den Perspektiven Raum, schaffen gegenseitiges Verständnis, machen das gemeinsame Handeln erfolgreicher und sind eines der wirksamsten Werkzeuge für das Teambuilding. Und alle haben verstanden: Es gibt mehr als nur eine Wahrheit, wie man ein Geschehen erleben kann.
Geschichten tiefer verstehen: Der Aktanten-Check
Zur narrativen Intelligenz gehört natürlich auch die Fähigkeit, zu verstehen, was Geschichten eigentlich sind und wie sie funktionieren. Ein gutes Werkzeug dazu ist das Aktantenschema, das der französische Sprachwissenschaftler Algirdas Greimas entwickelt hat und das die Kraftfelder beschreibt, die in einer Geschichte wirken.
Aus diesen Kraftfeldern ergeben sich Fragen, die man an eine Geschichte stellen kann, um sie besser zu verstehen:
- Wer ist der/die Protagonist:in , als die Hauptfigur der Geschichte? Ist es der/die Erzähler:in selbst, die von den eigenen Handlungen erzählt, oder erzählt jemand die Taten einer anderen Person (Beispiel: In den Sherlock-Holmes-Romanen erzählt Doc Watson von den Taten des Detektivs). Oft denken wir, dass automatisch der/die Erzähler:in die Hauptfigur ist – aber manchmal verstehen wir die Geschichte erst richtig, wenn wir verstehen, von wem genau sie handelt.
- Was ist das Ziel, der Wunsch oder die Sehnsucht des/der Protagonist:in? Jede Geschichte lebt davon, das die Hauptfigur ein Ziel oder einen Wunsch hat – befürdert werden, das Projekt abschließen, mehr Gewinne machen, neue Kunden gewinnen, etc. Über einen Menschen ohne Ziel oder Wunsch, der wie die Made im Speck lebt, kann man nicht erzählen, man kann ihn nur beschreiben. Zum Verständnis der Geschichte. die ein Kollege beispielsweise über ein Projekt erzählt, ist es fundamental zu verstehen, was das Ziel ist. Oft muss man da länger nachdenken, weil das nicht immer an der Oberfläche sichtbar ist.
- Wer sind Auftraggeber:in und Nutznießer:innen des Geschehens. Der Auftraggeber ist die Instanz, die den/die Protagonist:in ins Handeln bringt. Das kann ein:e Vorgesetzte:r sein („Machen Sie dieses Projekt!“) oder eine nicht personalisierte Situation („die Corona-Pandemie zwingt mich, in keinem Team Home Office einzuführen“). Nutznießer:innen sind diejenigen Personen oder Instanzen, die etwas davon haben, wenn der/die Protagonist:in das jeweilige Ziel der Geschichte erreichen: Mitarbeitende, das ganze Unternehmen, oder nur der/die Protagonist:in selbst.
- Gibt es Helfer:innen und/oder Gegenspieler:innen? Das können ebenfalls Personen oder Umstände sein. Gegenspieler kann etwa ein intriganter Kollege oder ein skrupelloser Konkurrent sein, oder aber eine Wirtschaftskrise, die mein gerade gegründetes Start-up an den Rand des Ruins bringt. Und Helfer können Führungskräfte sein, die mich unterstützen, oder ein glücklicher Zufall, der einem Projekt zum Erfolg verhilft.
So viel für heute. In der nächsten Folge in zwei Wochen werde ich darauf eingehen, wie wir auch unabhängig von Arbeitssituationen narrative Intelligenz in unserem Alltag entwickeln können.
